Liebe Schulen, wann gibt es endlich Datenschutzunterricht?

Fachbeitrag

Zwischen Tafel, Folienprojektor und Whiteboard liegen Welten. Zwischen dem Unterrichtstoff von damals und heute leider nicht: Noch immer hat ein Großteil der Schülerinnen und Schüler wenig Ahnung von Datenschutz und den Risiken in Instagram, TikTok und Co. Inmitten all der Unterrichtsausfälle sowie des Budgetmangels an Schulen fühlt sich keiner zuständig. Ich finde, es wird Zeit für Medienerziehung und Datenschutzunterricht. Ein Kommentar.

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr

Mit meiner Schulzeit verbinde ich vor allem eines: Grauen. Nee, nicht wirklich. Zumindest nicht die ganze Zeit. In meiner Grundschule gab es nur wenige Computer, die meist nur dazu verwendet wurden, Solitär zu spielen oder in Paint „Kunstwerke“ zu erschaffen. An der weiterführenden Schule lernten wir das Tippen und den Umgang mit Excel. Das wars. Reicht für einen Bürojob, dachten die wohl.

Heute fertigen Kinder und Jugendliche zwar ihre Hausaufgaben auf Laptops und Tablets an, das digitale Know-how fehlt ihnen aber immer noch. Sie wissen oft vom Kleinkindalter an, wie man die Geräte bedient, sie haben aber in vielen Fällen keinerlei Ahnung davon, was die Nutzung der Geräte, des Internets, der sozialen Medien für Folgen hat. Beibringen tut es ihnen kaum jemand: Die Eltern sind überfordert oder halten sich nicht für verantwortlich, die Lehrkräfte haben keine Zeit oder kein Budget. Zurück bleiben im Datenschutz ungebildete Kinder und Jugendliche, die Datensammelei für völlig normal und Datenvorsicht für überflüssig halten. Verspielen wir die digitale Zukunft der jungen Generation?

Es herrscht Datenschutz-Wissensnotstand

Einzelne Unterrichtsmaterialien zum Thema Datenschutz sind im Internet bereits aufzufinden. So lernen Berufsschüler, wie sie mit Daten in ihrem beruflichen Alltag umgehen sollten. Und bereits im Kindergarten bekommt man beigebracht: „Geheimnisse sind erlaubt“. Über den hessischen Bildungsserver finden sich z.B. Arbeitsblätter für Lehrer und ein jugendgerechter Flyer „Entscheide DU – sonst tun es andere für Dich! Gedanken und Fakten zum Thema Datenschutz“. So schön das alles klingt: Was bleibt davon hängen? Lesen Kinder das überhaupt oder landet es gleich im Müll? Und wie viele Lehrer greifen auf diese Thematik in ihrem Unterricht zurück?

… bei den Schülerinnen und Schülern

Die meisten Schülerinnen und Schüler sind in Sachen Internet, soziale Medien und Datenschutz recht naiv. Ich weiß, das wollen die Eltern in der Regel nicht wahrhaben – immerhin ist ihr Kind ja immer total brav und würde nie auch nur auf den Gedanken kommen, Blödsinn anzustellen – aber ich kann Ihnen sagen, ich war so ziemlich der Lieblingsstreber aller Lehrer und ich habe so einiges getan, wovon meine Eltern nichts wissen und was hoffentlich nie jemand erfährt. Nur war Social Media und Co. zu meiner Zeit noch nicht so präsent wie heute, sodass ich mir keine Sorgen machen muss.

Diese Bildungslücke ist den Kindern und Jugendlichen nicht vorzuwerfen – wenn es ihnen keiner beibringt, wie sollen sie die dann schließen können? Sie posten fleißig in ihren Social-Media-Kanälen, schicken sich (Sprach-)Nachrichten über WhatsApp und folgen ihren liebsten Influencern, doch zeigt ihnen keiner, was geht und was nicht, was mit ihren Daten geschieht, welche Folgen das für sie haben kann.

Viele Eltern wollen helfen, verstehen jedoch selbst nicht so recht, was schiefläuft oder sie sind selbst digital aktiv und wissen nichts vom Risiko. Ab einem gewissen Alter hören die meisten Jugendlichen eh nicht mehr darauf, was zuhause so gefordert wird. Sind sie erst einmal erwachsen, bleiben die Jugendsünden ewig abrufbar: Das Internet vergisst das peinliche Foto nie, das Cybermobbing-Opfer trägt psychische Schäden für den Rest seines Lebens davon und der ein oder andere Ausbildungsplatz geht allein deshalb flöten, weil der Ausbilder einen einfach nur mal schnell gegooglet hat. Ist das die digitale Zukunft, auf die wir zusteuern? Ein Planet voller Möchtegern-Klimaretter, die statt mit Abgasen mit Daten um sich schleudern? Der komplett gläserne Bürger ist noch nicht da. Aber er wird gerade herangezogen.

… bei den Lehrkräften

Das Thema Datenschutz ist spätestens seit Beginn der Corona-Krise nicht besonders beliebt bei Lehrern. Den digitalen Unterricht hatten sie mehr oder weniger selbstständig von dem einen auf den anderen Tag zu stemmen und so mancher Datenschützer hatte nichts Besseres zu tun, als den Lehrern das Leben noch schwerer zu machen. Angesichts der in Kultusministerien herrschenden Steinzeit fernab von Digitalisierung ist es ein Wunder, dass es mittlerweile sowas wie Whiteboards an den Schulen gibt und nicht immer noch Tafeln, Folienprojektoren sowie Röhrenfernseher, die durch die Flure rollen.

Mit der Ausstattung allein ist es jedoch nicht getan: Wir benötigen Medienkompetenz in diesem Land und Medienerziehung an den Schulen. Das neueste Tablet in den Händen von Schülern und Lehrern bringt nichts, wenn Ersterer darauf Unsinn treibt und Letzterer dafür erst einmal eine einwöchige Schulung braucht (die er natürlich nicht erhält, kein Geld da, versteht sich). Die Lehrer von heute sind bereits vielfach digital versiert. Jetzt muss man sie nur noch darin unterstützen, in den Bereichen soziale Medien und Datenschutz zu unterrichten. Bei denjenigen, die USB für das neue AC/DC und TikTok für ein erfrischendes Lutsch-Dragée halten, ist es aber längst zu spät.

Unterricht kann Spaß machen

… leider tut er das nicht allzu oft. Entweder ist der Lehrer nicht das Gelbe vom Ei, der Unterrichtsstoff geht ins eine Ohr rein und vom anderen wieder raus oder Unruhestifter haben in der Klasse die Herrschaft übernommen – irgendwas ist fast immer, egal welche Schulform, unabhängig vom Bildungsstand. So mancher vom alten Schlag dürfte nun denken: Schule muss keinen Spaß machen, die sollen in der Schule lernen, nicht auf den Tischen tanzen. Nur lernt es sich nicht so gut, wenn man keine Lust dran hat (an dieser Stelle möchte ich mich bei meinem Physiklehrer entschuldigen, das Fach bleibt für mich auch heute noch ein Rätsel). Und seien wir mal ehrlich: Datenschutz ist manchmal nicht sonderlich spannend. Für Kinder und pubertierende Jugendliche muss das eine wirklich öde Hölle sein, wenn man das nicht richtig anpackt.

Also, was ist das Best Practice?

Wir müssen das Thema Datenschutz an die Zielgruppe anpassen. Datenschutzunterricht bietet sich für Schülerinnen und Schüler an, die entweder gerade erst damit anfangen, ihre Daten in die Welt zu tragen oder die bereits voll dabei sind (für die Erkenntnis ist es nie zu spät). Da bereits Grundschüler mit Smartphones rumfuchteln und Apps nutzen, kann man da schon starten, kindgerecht natürlich. Ideal dürfte das Alter zwischen 9 und 16 sein.

Dann findet man heraus, was im jeweiligen Alter besonders interessant ist: Kaum ein Minderjähriger dürfte Datenschutztheorie pauken wollen. Ob Datenschutzerklärung oder Volkszählungsurteil – für Schüler eine Einschlafgarantie. Facebook? Nö, nur noch für „Alte“. Instagram? Ja. TikTok? Auf jeden Fall. Bei Jüngeren sind ggf. Spiele-Apps gefragt oder YouTube Kids, denn dort tummeln sich Kinder-Influencer. Für etwas vertiefteres Wissen bietet es sich an, den Schülern Infos zu Tracking und IT-Sicherheit jugendgerecht mit passenden Aufgabenstellungen näher zu bringen – immerhin spielen diese Punkte bei Social Media auch eine Rolle. Wie man sieht, hat man die Schüler mit dem passenden Wurm schnell am Datenschutz-Haken.

Nun überlegt man sich, wie man das didaktisch angehen will. Macht man das als Lehrer allein oder holt man sich Fachkundige an die Schule? Gruppenarbeit, Videos, Flyer als Einstieg, Collagen, Projekte, Mitmach-und-Rätsel-Referate, alles ist möglich (auch im Home-Schooling). Die Schüler sollen zu Ihrer Lieblings-App präsentieren, gemeinsam Datenschutz-Probleme feststellen, ein fiktives soziales Netzwerk gründen. Dabei lässt man sie Gefahren selbst entdecken: Was passiert mit meinen Fotos im Internet? Ist es in Ordnung, fiese Kommentare im Netz zu hinterlassen? Wer sieht eigentlich alles, was ich poste? Und wer weiß was über mich? Was hat das für Folgen?

Dafür ist Zeit

Datenschutz statt Mathe? Nein. Sorry, Kids. Für Datenschutzvermittlung braucht es nicht ewig viel Zeit, ein paar Unterrichtstunden, vielleicht ein Nachmittag, das kann reichen, um auf Datenschutzmängel und Cybermobbing aufmerksam zu machen. Das wäre mir damals hundertmal lieber gewesen als ein langweiliger Wandertag im strömenden Regen (vielen Dank auch). Kurz vor den Ferien hat eh keiner mehr Bock auf Unterricht, wie wäre es da mit einem Social-Media-Datenschutzprojekt anstelle des obligatorischen Filmguckens? Im Zweifel hängen die Schüler während des Films sowieso bloß am Handy. Dann kann man es auch gleich zum Mittelpunkt machen.

Datenschutz gehört nicht gepredigt, sondern vermittelt

Der gute alte Frontalunterricht – der Lehrer vorne am Predigen, die Schüler am (vermeintlichen) Zuhören – war schon immer kontraproduktiv. Mit Ausnahme einiger weniger Streber hat der Großteil der Klasse dabei sowieso gepennt oder maximal lustlos den Hefteintrag mitgeschrieben. So war das in meiner Schulzeit, so dürfte das auch heute noch sein. Wer wirklich was erreichen möchte, muss die Kinder und Jugendlichen einbinden, ihnen das Wissen schmackhaft machen. Das funktioniert ein bisschen so wie Werbung: Die Süßigkeiten in Werbespots würde auch keiner kaufen, wenn sich da so ein Loser im Pullunder kaum von der Stelle rührt und von den Vorteilen des Genusses lediglich quatscht. Man muss es erleben, man will mittendrin sein.

Also liebe Lehrerinnen und Lehrer, springt über euren Schatten, bringt den Datenschutz zu den Schülern, nicht andersherum. Motiviert die Schülerschaft, anstatt sie abzuschrecken. Klickt auf die oben verlinkten Seiten mit den Unterrichtsmaterialien, damit meine Suche nicht umsonst war. Habt selbst Spaß am Unterricht, das färbt ab. Und liebe Schüler: Euch würde auch kein Zacken aus der Krone brechen, wenn ihr der Lehrkraft eine Chance gebt – die bemüht sich, weiß möglicherweise auch nicht viel mehr zum Datenschutz als ihr und kann sich den ganzen Tag lang euer Geplapper anhören. Medienerziehung und Datenschutzunterricht gehören an die Schulen, dabei müssen aber alle mitspielen: Lehrer, Schüler, Schulleitung sowie Eltern. Sonst wird das nichts mit der dringend notwendigen Vorbereitung auf eine digitalisierte Welt von heute (und morgen).


Dieser Beitrag ist ein Kommentar und spiegelt daher die persönliche Meinung der Autorin / des Autors wider. Diese muss nicht mit der Meinung des Herausgebers oder seiner Mitarbeitenden übereinstimmen.

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4 Kommentare zu diesem Beitrag

  1. Liebe Frau Pettinger,
    Sie haben ja so Recht! Wir versuchen über die Initiative „Datenschutz geht zur Schule“ des BvD (dsgzs.de) seit ca. 2009 hier die Lehrerinnen und Lehrer mit passenden Impulsvorträgen bei der Vermittlung durch Anschaulichkeit zu unterstützen. Dazu bieten wir für die Vor- und/oder Nachbereitung ein Lehrerhandout in der Zusammenarbeit mit klicksafe an (Lehrerhandout – Berufsverband der Datenschutzbeauftragten Deutschlands (BvD) e.V. (bvdnet.de) und ich hoffte, dass nun spätestens mit dem pandemiebedingten Distanzunterricht das Bewusstsein für das Erfordernis einer Vermittlung digitaler Grundkenntnisse auch im Umgang mit Daten Einzug in die Lehrpläne erhält. (mehr auch hier Das Wort hat „Datenschutz geht zur Schule“ | Podcast Folge 04 (datenschutz-praxis.de)
    Da dem nicht so scheint, sind wir weiterhin ehrenamtlich aktiv… Interesse? Melden Sie sich doch bei uns: dsgzs@bvdnet.de. Viele Grüße!
    Rudi Kramer
    Sprecher der Initiative „Datenschutz geht zur Schule“

  2. … wie wahr! Der BvD (Berufsverband der Datenschutzbeauftragten Deutschlands e.V.) bietet mit seiner Initiative „Datenschutz geht zur Schule“ Vorträge zur Sensibilisierung von Schülerinnen und Schülern an. Erfahrene Datenschutzexperten bieten gruppenspezifische Veranstaltungen ehrenamtlich an: bvdnet.de/datenschutz-geht-zur-schule Eine prima Initiative und vielleicht ein Auftakt für die eine oder andere Schule. :-)

  3. Letzte Woche in eine Berufsschulklasse in der ich als DSB eines Gesundheitskonzernes auftreten durfte (laut Curriculum war es das dann aber auch bis zum Ende der Ausbildung): Weiß jemand was Phishing ist? Keine Meldung. Ich habe dann noch mal nachgehakt und das mit dem „P“ und dem „Fishing“ erklärt. Einer konnte es dann so ungefähr erklären. Ohne Worte!

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